Brief von Corinna aus Tansania

Hallo,
ich wollte Euch vor Weihnachten noch einen kleinen Bericht über mein Projekt schicken:
viele Liebe Grüße aus Tansania, Corinna
 
 
Liebe Musiker und Musikerfreunde,
ich bin jetzt schon fast zwei Monate hier in Tansania und ich habe mich schon super eingelebt. Zunächst verbrachten wir, also alle Freiwilligen des BDKJ Bambergs, unsere ersten zwei Wochen in Mwanza, wo wir Kiswahili Unterricht und einen tansanischen Kochkurs bekamen. In dieser Zeit haben wir uns schon mal an das afrikanische Leben gewöhnen können. Wobei dort nur ab und zu einmal der Strom ausfiel und die Internetverbindung haperte, hier in Rulenge, wo ich mein Weltfreiwilligenjahr verbringe, sieht es schon etwas anders aus. Strom haben wir nur, wenn die Solarzellen sich unter dem Tag genügend aufladen können, mein Internet geht nur sporadisch und meine Dusche funktioniert bisher noch gar nicht. Also wird jeden Tag Wasser aus dem Tank geholt und kalt gewaschen. Auch das Kochen ist hier viel aufwendiger, den Reis muss man erst einmal stundenlang putzen und von Steinen befreien, das Wasser zum trinken wird abgekocht und die Bohnen köcheln auch mehrere Stunden vor sich hin, aber man gewöhnt sich doch an alles.

Auch in der Arbeit hab ich mich auch schon etwas eingewöhnt. Ich arbeite in einem Rehabilitationsprojekt für Menschen mit Behinderungen namens „Community Based Rehabilitation Program“(CBRP). Montags und meistens mittwochs sind wir im „Office“ um Büroangelegenheiten zu machen z.B. Berichte schreiben, Akten in den PC eingeben. Martine (mein Arbeitskollege und einer der zwei Ärzte des Programms) nutzt die Zeit immer um mir viel über die Traditionen, den Glauben und die Armut hier in Tansania zu erzählen. Ich lerne und erfahre wirklich jeden Tag etwas
Neues. Dienstag und Donnerstag machen wir dann Hausbesuche und Family Visits. Das heißt wir fahren mit dem Pikipiki (Motorrad) auf eines der sieben Dörfer, die zum CBR Projekt gehören. Dort wird immer ein kurzer Vortrag über Hygiene und Erkrankungen gehalten und danach werden Medikamente vergeben, neue Klienten registriert und Anamnesen geschrieben. Die Meisten, die zu den Family Visits kommen sind Epileptiker – hier ist die Rate wirklich super hoch, was an dem exzessiven Alkoholmissbrauch auf den Dörfern liegt, wie mir erklärt wurde. Hier ist die Anzahl von Kindern mit Zerebralparesen (einer geistigen und körperlichen Behinderung aufgrund einer Mangelversorgung der Gehirns) auch deutlich höher als bei uns in Deutschland, da es hier noch sehr viele Hausgeburten gibt und diese unsachgemäß durchgeführt werden. Der Weg ins nächste Krankenhaus dauert hier viel zu lange , man hat schließlich keine Zeit, nachdem die Fruchtblase geplatzt ist, noch stundenlang durch den Busch bis zur nächsten Krankenstation zu laufen. An den Field Visit Tagen behandle ich dann auch die Klienten. Da mein Kiswahili noch sehr ausbaufähig ist und viele Patienten nur Kishubi sprechen (Stammessprache vom Stamm Shubi) ist meistens noch ein Community Worker, Martine oder Fidelis (sozusagen mein Chef im CBRP und der zweite Arzt) bei mir um zu übersetzen. Mittlerweile habe ich auch schon ein paar Kommandos
auf Kiswahili gelernt.
 
Außerdem gehe ich auch gerne auf die Dörfer, da man das richtige tansanische Leben sehen kann. Viele Menschen leben dort noch in Lehmhütten oder sogar in Häusern nur aus Stroh, die Kinder haben häufig, durch Mangelernährung verursachte, Wasserbäuche und die meisten Menschen laufen
mit zerschlissener Kleidung herum.

Freitags ist dann Friday Clinic – hier kommen die Klienten zu uns nach Rulenge. An diesem Tag habe ich schon volles Haus und es macht wirklich richtig Spaß zu behandeln. Wobei ich mich noch daran gewöhnen muss, dass wirklich jeder dabei zuschauen kann und oft einfach mal zwei Angehörige und zwei bis sechs CBRP Arbeiter um mich herum stehen– für mich doch recht neu bei der Arbeit so beobachtet zu werden, aber da ich in der ganzen Diözese die einzige Physiotherapeutin bin, ist meine Krankengymnastik quasi eine kleine Attraktion. Die Älteren sind mir gegenüber noch etwas skeptisch und die Kinder haben oft ein wenig Angst vor mir, da sie bisher noch nie eine Wazungu (also eine Weiße) gesehen haben, aber sie gewöhnen sich eigentlich recht schnell an mich....
 
Es ist schon manchmal ein wenig hart die ganzen Eindrücke zu verarbeiten und ich muss ehrlich sagen, dass ich auch ein paar schlaflose Nächte hinter mir habe – man kommt schon ganz schön ins Grübeln, wenn man die Verhältnisse hier sieht und mit welchen Dingen das CBRP jeden Tag zu tun hat.
 
Ein Problem mit dem das Programm hier zu Kämpfen hat ist das fehlende Verständnis für Hygiene, Familienplanung und Ernährung. Es werden zwar immer wieder Vorträge über bestimmte Themen abgehalten, aber da das CBRP der einzige Ansprechpartner in der ganzen Diözese ist, ist das natürlich nur ein Tropfen auf dem heißen Stein. Die geringe Schulbildung hier macht es natürlich auch nicht einfacher. In Tansania muss man viel Geld für eine gute Bildung zahlen, es gibt zwar auch staatliche Einrichtungen, aber der Standard ist doch ziemlich gering.
 
Außerdem gibt es hier zu Lande auch noch einen starken Aberglaube. „Witchcraft“ herrscht hier überall und wenn die Leute erkranken, gehen sie zunächst meist erst zum Witchdoctor um sich von ihm für gutes Geld Medizin geben zu lassen, häufig werden auch die Nachbarn beschuldigt einen verhext zu haben. Bis dann ein richtiger Arzt aufgesucht wird kann einige Zeit vergehen und viel Geld verschwendet worden sein – oft ist es dann für die Behandlung einfach zu spät.
 
Was dem CBRP auch noch großes Kopfzerbrechen bereitet ist das Fehlen eines Autos. Hier in der Gegend gibt es eigentlich nur Staubpisten als Straße, die während der Regenzeit einfach schwer oder gar nicht passierbar sind. Mit dem Pikipiki dann noch auf die Dörfer zu fahren ist dann natürlich kein Spaß. Es geht dann nicht nur viel mehr Zeit auf der Strecke verloren, die man auch sinnvoller verbringen könnte, es ist auch einfach viel gefährlicher unterwegs zu sein. Aber einfach mal einen Family Visit ausfallen zu lassen ist auch nicht möglich, da die Menschen ihre Medikamente benötigen, es könnte sonst schlimme Folgen haben. Glücklicherweise soll Ende des Jahres ein Auto gestellt werden, hoffentlich nicht nur eine leere Versprechung!

Wie man sieht hat das Projekt einiges zu bewältigen, aber ich finde Martine, Fidelis und die Community Worker leisten jeden Tag wirklich gute und sinnvolle Arbeit. Wer noch mehr von Tansania, das CBRP und mein Leben hier Erfahren möchte kann gerne meinen Blog unter corinnatansania.wordpress.com besuchen. In diesem Sinne wünsche ich euch eine schöne besinnliche Adventszeit, fröhliche Weihnachten und
einen guten Rutsch ins neue Jahr,

viele Liebe Grüße,
Corinna

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